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viele denken bulimie und magersucht ist ein und das selbe...aber das ist es nich. hier mal etwas zu bulimie aus der sicht eines eines angehörigen

Ich habe meine Freundin Sandra im Juni 1998 kennengelernt. Sie war damals 24 und ich 32 Jahre alt. Daß sie Bulimikerin ist, hat sie mir erst ca. 3 Monate später gesagt.

Die erste Zeit war geprägt durch ein ständiges Versteckspiel ihrerseits. Sie war unzuverlässig und versetzte mich mehr als einmal ohne daß sie es für nötig befunden hätte wenigstens vorher abzusagen. Immer wenn wir uns sahen, sagte sie mir, wie wohl sie sich bei mir fühlte und wie schön es sei. Wenn ich mich jedoch mit ihr verabreden wollte, dann gab es ein ewiges hin und her. Simple Fragen meinerseits, ob wir uns am Wochenende sehen könnten führten häufig zu regelrechten Streitgesprächen, da sie nicht in der Lage war, konkret "Ja" oder "Nein" zu sagen. Sie fühlte sich allein durch die Frage nach einem Treffen sofort eingeengt und reagierte sehr aggressiv.

Es war ein ständiger Wechsel ihrerseits zwischen Nähe suchen, um diese im nächsten Moment wieder abzulehnen. Immer sagte sie mir, wie einsam sie sich fühle, und wie gut ich ihr tun würde. Aber warum wies sie mich dann so oft zurück?

Warum habe ich das alles überhaupt mitgemacht? Hmm.. ich glaube, daß ich diesen inneren Kampf bei ihr gespürt habe. Ich fühlte, daß sie wirklich etwas für mich empfand und daß es nur unendlich schwer für sie war, ihre Gefühle auch auszuleben. Es war, als hielte sie etwas in ihr davor zurück, als hätte sie ein Geheimnis, daß sie vor mir verbirgt, aus Angst diese Nähe wieder zu verlieren. - Es war, als führe sie ein Doppelleben.

Eines Tages rief sie mich morgens um 6:00 Uhr an und sagte mir, daß sie gerade aus einem Hotel gekommen sei, wo sie die Nacht verbracht hatte. "Es ist richtig, was Du jetzt denkst." sagte sie mir ganz ruhig. Ich glaube es ist überflüssig zu sagen, daß für mich beinahe eine Welt zusammenbrach.... Ich war verzweifelt und unendlich traurig. Was jedoch noch viel schlimmer war: Ich konnte es nicht begreifen!! Das hätte ich ihr nie und nimmer zugetraut, zumal sie immer wieder sagte, ich sei ihr erster Mann. In diesem Hotel würde sie auch nicht mit dem "Kunden" (es war wohl immer der gleiche) schlafen sondern ihn nur "massieren".

Zum ersten Mal, seit wir uns kannten begann ich zu begreifen, daß sie wirklich echte Schwierigkeiten und Probleme (womit und wodurch auch immer) hatte.

Warum ich jetzt nicht schreiend weggelaufen bin, ist schwer zu erklären. Vielleicht weil ich davon überzeugt war, daß sie es wert sei (so blöd sich das auch anhören mag) und einfach nur orientierungslos, innerlich zerrissen und allein. Ich war fest davon überzeugt, daß sie ein Opfer ihrer ganzen Lebensumstände war und wollte sie deswegen nicht verurteilen. - Mal abgesehen davon, daß ich sehr in sie verliebt war (und immer noch bin). Ich muß dazu sagen, das Sandra damals bereits ein Jahr in der Stadt lebte und so gut wie niemanden kannte und obendrein auch keinen festen Job hatte. Sie erzählte zwar gelegentlich von einem Freund, Stefan, aber so richtig innig war diese Freundschaft scheinbar auch nicht.

Es war als wäre ein Fluch (einer von mehreren, wie sich später herausstellte) gebrochen. Sandra war froh, endlich einen Menschen zu haben, mit dem sie über diesen Job und ihre diesbezüglichen Gedanken und Gefühle reden konnte. Ganz langsam und vorsichtig tastend öffnete sie sich mir, nachdem sie gemerkt hatte, daß ich sie trotzallem annahm. In dieser Zeit begann Sandra mir auch mehr von sich zu erzählen. Von ihrer Familie und daß sie dort nie das Gefühl hatte verstanden und angenommen zu werden - daß man wirklich zu ihr steht.

Einige Zeit später habe ich dann (mehr oder weniger durch Zufall) erfahren, daß dieser "Freund" Stefan in Wahrheit seit ca. 9 Monaten mit ihr zusammen war. Ich war wieder zutiefst verletzt und fühlte mich diesmal obendrein auch noch so richtig hintergangen und verarscht!! Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte ihr den Hals umgedreht. Ich habe sie in einem Gespräch (wenn man das so nennen will) dann derartig fertig und nieder gemacht bis sie zusammengebrochen ist. Ich bin heute weiß Gott nicht stolz darauf, so mit ihr umgegangen zu sein. Aber es hatte makabererweise auch sein Gutes. Als sie hysterisch heulend zusammen geklappt ist kreischte sie etwas wie "Ich sehne mich doch nur nach Liebe!" Es klang wie ein Hilferuf, ein Schrei nach Liebe...

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So sehr ich auch immer noch verletzt und wie tief ich auch immer getroffen war, so groß war auch das Mitgefühl, daß ich für diese Frau empfand. An einem der nächsten Tage erzählte sie mir dann von ihrer Bulimie. Vielleicht auch deshalb, weil sie wußte, daß eine Bekannte von mir ebenfalls an dieser Sucht litt und demnach die ganze Angelegenheit nicht vollkommen unbekannt für mich war.

Ich war auch gar nicht so sehr schockiert darüber. Zum einen war ich ja nun schon ganz andere Dinge von ihr gewohnt und zum anderen wußte ich immerhin genug über Bulimie, daß ihr Verhalten für mich langsam einen Sinn ergab. Nun ja, hier von "Sinn" zu reden erscheint mir doch stark übertrieben. Aber zumindest konnte ich ihr Verhalten besser verstehen und einordnen. Ich war mir nunmehr sicher, daß sie nicht vorsätzlich mit mir gespielt hatte, sondern einfach Angst davor hatte, von mir erkannt und wohlmöglich abgelehnt zu werden. Gleichzeitig fühlte sie sich aber auch von mir verstanden und angenommen. Ihr ganzes Denken und Sein war derartig von einer inneren Zerrissenheit gezeichnet, daß es für mich schier unglaublich ist, daß sie das überhaupt ertragen und überleben konnte. - Konnte sie eben nicht - und deswegen kotzte sie!!!! Später sagte sie einmal, daß ich ihr das Leben gerettet hätte. (hmm... nun ja...)

Die nächsten Monate haben wir viel geredet. Über ihr Leben, ihre Gefühle, den Job, ihre Eltern und die Kotzerei. Sandra baute im Laufe der Zeit mehr Vertrauen zu mir auf. Trotz all dieser Gespräche war sie jedoch auch immer noch mißtrauisch mir gegenüber. Sie hatte immer Angst davor, daß ich mich in irgendeiner Art und Weise an ihr rächen will. Aber auch ich war ziemlich mißtrauisch. Im Nachhinein kann man diese Phase wohl als eine Phase der Wiederannäherung bezeichnen.

Sandra wollte von diesem "Job" weg und ich glaubte ihr. Es gelang mir, sie davon zu überzeugen, die finanzielle Hilfe unseres Staates in Anspruch zu nehmen. Bislang scheute sie immer davor zurück, weil sie befürchtete, daß dann ihre Eltern zur Kasse gebeten würden. Sie wollte nicht, daß ihre Eltern merkten, wie es ihr wirklich geht. Immer hatte sie das Bedürfnis "zu funktionieren" - normal zu sein. Mit diesen Erwartungen von außen und auch an sich selbst war sie jedoch vollkommen überfordert. Zu diesem Zeitpunkt damals hatte Sandra sich eigentlich bereits aufgegeben. Alles war ihr egal und das Leben erschien ihr leer und sinnlos.

Sandra und ich sind seit Januar 99 "so richtig zusammen". Seitdem hat sich ihre Kotzerei ziemlich reduziert. Sie ist zwar noch weit davon entfernt, sich normal und vernünftig zu ernähren aber es gab schon Wochen, die vollkommen kotzfrei waren. Wenn wir zusammen sind kotzt sie gar nicht mehr. Ich glaube, einer der wichtigsten Meilensteine auf unserem gemeinsamen Weg ist die Tatsache, daß ich sie nie davon abgehalten habe, zu kotzen. Im Gegenteil. Unser Verhältnis war auf diesem Gebiet derart von Vertrauen geprägt, daß sie ihre Fress- und Kotzanfälle auch bei mir hatte. Das war dann zwar weiß Gott nicht gerade einfach für uns beide, aber ich hatte das Gefühl, daß es richtig war. Ich glaube, daß Sandra mich da etwas für sie unglaublich Intimes miterleben ließ. Etwas, was sie vorher nur im Verborgenen tat, konnte sie nun offen ausleben. Sie hat im Juli eine Therapie begonnen und sieht ihr Leben allgemein positiver...

 

Die ganze Zeit, die ich Sandra kenne, hatte ich immer das Gefühl, das sie etwas verbergen würde. Trotzdem sie mir nach und nach mehr von sich erzählte und da doch einige Hammer dabei waren, wurde ich nie so ganz das Gefühl los, daß da doch noch etwas wäre, was sie mir verschwieg. Aber immer wen ich sie fragte oder sie darauf ansprach, reagierte sie aufgebracht und warf mir Mißtrauen vor.

Im September lies sie das erste Mal durchblicken, daß da doch noch etwas wäre, etwas, worüber sie mit mir reden wolle. Aber ich sollte sie nicht drängen sondern ihr Zeit lassen. Es war weniger Neugierde, die ich empfand, sondern eher das Gefühl vor einem Tor zu stehen. Ich hatte den Eindruck, daß hinter diesem Tor ein Teil der Antworten liegen könnte, nach denen ich gesucht hatte.

An einem Freitag abend im Oktober war es dann soweit. Wir saßen gerade vor den Rechnern, als sie sich vorsichtig an das für sie heikle Thema herantastete. Sie nahm all ihren Mut zusammen und erzählte mir, daß ich doch nicht ihr erster Mann war, sonders daß es bereits diverse andere vor mir gab. Sandra erzählte mir, daß sie mit den meisten von ihnen geschlafen hat, um nicht allein zu sein. Sie suchte nach Anerkennung, Annahme und Liebe.

Ich wußte genug über sie und ihre Familie, um ihr zu glauben. Dennoch kam ich mir schon ziemlich dämlich vor. Da bin ich die ganze Zeit davon ausgegangen, daß sie unerfahren und schüchtern sei und Angst davor hatte, mit einem Mann wirklich intim zu werden.

Das zweite "Geständnis", daß sie eine kurze Zeit auch mal richtig als Call-Girl gearbeitet hat war für mich nicht so schwerwiegend. Die Geschichte, daß sie in diesem Hotel ausschließlich "massiert" hat, habe ich ihr eh nie so ganz geglaubt.

Vielleicht fragt sich der Leser nun, warum ich dennoch mit Sandra zusammen geblieben bin und sie nicht in die Wüste geschickt habe. Das hat zum Einen sicherlich etwas mit Liebe zu tun, aber das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Viel wichtiger waren für mich die Antworten auf zwei Fragen:

    1. Sollte ich sie wirklich für Fehler verurteilen, die recht lange zurück lagen?
    2. War denn Sandra nach diesen beiden Geständnissen eine andere Person als vorher?

Jeder von uns hat in seinem Leben Fehler und Dinge gemacht, auf die er nicht besonders stolz sein kann/sollte. Wer setzt den Maßstab an und wer hat das Recht zu beurteilen, welche Fehler gravierender sind als andere?

Ich selbst habe für mich einmal die Philosophie entwickelt, daß man für alles, was man macht und tut, vom Leben eine Rechnung gestellt bekommt. In meinen Augen hatte Sandra bereits genug bezahlt. Nicht mit Geld oder Gefängnis, sondern mit Depressionen, Verlust des Selbstwertgefühls, Selbsthass usw.

Die Antwort auf die zweite Frage ist ganz rationell mit "nein" zu beantworten. Nun ja, nicht so ganz, denn irgendwie bin ich ja die ganze Zeit mit einer "anderen" Sandra zusammen gewesen. - Nämlich einer, die schüchtern, sexuell unerfahren und ängstlich ist.

Ich habe vor allem über die letzte Antwort zwei Tage nachdenken müssen. Im Grunde genommen war Sandra aber tatsächlich unerfahren und schüchtern. Nie hatte sie das Gefühl erfahren, um ihrer Selbst willen geliebt und angenommen zu werden. Immer mußte sie etwas dafür tun - eine Leistung erbringen. Das fing bereits in ihrem Elternhaus an, wo mit Anerkennung nur äußerst spärlich umgegangen wurde. - Aber das ist eine andere Geschichte, die Sandra selbst auf ihrer Homepage schreiben sollte.

 

Am 14.03.2000 ist Sandra seit nunmehr 7 Wochen "symptomfrei". Auf gut Deutsch, sie kotzt seit sieben Wochen nicht mehr. Toll!!! Ihr könnt Euch vorstellen, WIE groß meine Freude darüber ist.

Ich schreibe bewußt, daß sie "symptomfrei" ist und benutze nicht das Wort "geheilt".

Sandra schafft es, sich derzeit so ziemlich normal zu ernähren, aber die Ursachen ihrer Bulimie sind noch nicht "überwunden". Das ändert jedoch nichts an der unglaublichen Leistung, die Sandra da vollbracht hat!!! Ja, ich kann mit Fug und Recht behaupten, daß ich stolz auf sie bin!!! Nun ja.... manchmal kann sie diesen Stolz nicht ganz nachempfinden, weil sie den "Wert" dieses Erfolgs für sich nicht so recht anerkennen kann. - was wiederum eine Frage des Selbstvertrauens ist. Wie sie es geschafft hat? .......... Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung.

Sie hat mir gesagt, sie hätte "... einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt" und zu sich selbst gesagt: "Jetzt reichts!"" Kann es sein, daß das wirklich so "einfach" war? Wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich wünschte mir würde es so leicht fallen, das Rauchen aufzugeben. Ich hatte Sandra versprochen, daß ich mit dem rauchen aufhören würde, wenn sie es schaffen würde, die Kotzerei aufzugeben. Hmmm.........naja...... dann stehe ich jetzt wohl Wort, oder?! Aber zurück zum Thema ;-))

Sandra hat immer noch ihre Probleme mit dem Selbstwertgefühl und mit "den Dämonen ihrer Vergangenheit". Ihre Ängste sind nach wie vor da, aber längst nicht mehr in der Intensität, wie noch vor ein paar Wochen. Inwieweit ihre Therapie und die Gespräche mit ihrer Psychologin einen Anteil an diesem Erfolg haben, kann ich nicht abschließend beurteilen. Fest steht für mich jedoch, daß sie hilfreich waren und sind.

Was waren und sind die Folgen davon, daß Sandra jetzt "symptomfrei" ist? Sie hat rein körperlich mehr Energie, Kraft und Ausdauer. Als Folge davon hat sie aber auch an geistiger und seelischer Kraft und Stabilität gewonnen. Ihre Stimmungsschwankungen sind deutlich geringer geworden und selbst wenn sie jetzt mal deprimiert ist, dann sind diese Depressionen längst nicht mehr so tief und dauern nicht annähernd so lange wie früher.

Bitte, ich will hier bestimmt nicht behaupten, daß damit der Kampf ausgestanden sei, aber Sandra hat sich mit diesem "Schalter umlegen" in die Lage versetzt, Ihr Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. Oft kommen jetzt diese Fragen in ihr hoch wie z.B. "Mein Gott, wie konnte ich dieses oder jenes in meinem Leben tun? Wie konnte es soweit kommen?" Sichtweisen, die früher für sie eherne Gesetze waren werden heute in Frage gestellt und neu bewertet. Neue Erfahrungen kommen hinzu und "weichen" die Härte dieser alten Gesetzmäßigkeiten auf. Ich glaube man kann das mit dem Wendemanöver oder der Kurskorrektur eines Supertankers vergleichen. Auch wenn auf der Brücke der Befehl bereits gegeben wurde und das Ruder bereits bedient wurde, so dauert es doch noch eine gewisse Zeit, bis das Schiff den Kurs ändert. Aber das ist vollkommen normal. Was zählt ist doch einzig und allein, daß diese Wende und das Manöver noch rechtzeitig erfolgt ist, um die totale Kollision zu verhindern. Ich denke, daß genau da auch der Punkt ist, an dem dieses Beispiel hinkt: Im Gegensatz zu dem Super-Tanker ist es nie zu spät, eine Kurskorrektur vorzunehmen.

 

                                               Gedanken von dieser person

 

Wer das erste Mal als nicht Betroffener mit Bulimie konfrontiert wird, wird zunächst mit Unverständnis reagieren. Erst in den letzten Jahren wurde diese Suchtkrankheit überhaupt als solche anerkannt. Nachdem einige Prominente sich auch offen dazu geäußert und dazu gestanden haben, wurde diese Sucht auch öffentlich bekannt und diskutiert.

Auch ich konnte mir zunächst nicht allzu viel darunter vorstellen, als mir eine Bekannte, Petra, vor ein paar Jahren von ihrer Bulimie erzählte. Natürlich wollte ich ihr helfen. Aber ziemlich schnell wurde mir das Bizarre an dieser Sucht klar.

Bei anderen Suchtkrankheiten läßt man den Abhängigen eine Entziehungskur durchführen - mit mehr oder weniger nachhaltigen Resultaten. In dem Wort "Entziehungskur" liegt auch schon das hauptsächliche Anliegen dieser Therapie: Dem Suchtkranken seine Droge zu entziehen!

Was aber soll ich einer Bulimikerin entziehen?

Und genau da liegt das Hauptproblem: Es geht im Kampf gegen die Bulimie nicht primär darum, der Kranken das Erbrechen abzugewöhnen, oder es gar mit Gewalt zu verhindern!!! Denn die Kotzerei ist hier lediglich ein Symptom. Ein Symptom für Probleme, die tief in ihrem Inneren verborgen liegen und derer sie sich selbst meist nicht bewußt ist.

Ich bin bei weitem kein Psychologe und will hier weder der Weisheit letzten Schluß verkünden, noch will ich hier feste Regeln aufstellen. Alles, was ich hier schreibe ist eine Mischung aus dem Wissen, was ich aus diversen Büchern habe und dem, was ich direkt mit Sandra erlebt habe. Nicht mehr und nicht weniger.

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Es ist vollkommen hoffnungslos, einer Bulimikerin ein normales Essverhalten aufzuzwingen. Weder mit Gewalt ("Jetzt setzt Dich endlich hin und iss vernünftig!"), noch mit Bestechungen ("Wenn Du aufhörst zu kotzen, schenke ich Dir den Führerschein, eine Reise ...etc") wirst Du irgend etwas erreichen. Im Gegenteil, Du zwingst sie nur, noch vorsichtiger zu sein - noch trickreicher ihre Sucht zu verbergen. Die Folge davon ist, dass die Isolation, in der sie sich eh schon befindet, noch verstärkt wird.

Ich habe Sandra dazu ermuntert ihre Bulimie auch auszuleben, wenn sie bei mir war. Wir haben dann zusammen gegessen und anschliessend ist sie dann zur Toilette gegangen. Ja, es war für uns beide sehr schwierig und es gab auch die ein oder andere kleine Reiberei. Vornehmlich deswegen, weil sie ein schlechtes Gewissen und die Angst hatte, ich würde vor der Toilette stehen und lauschen. Während sie auf der Toilette war, fühlte ich mich meist hundeelend. Ich dachte nur daran, was sie sich und ihrem Körper nun wieder antat. Ich zwang mich dann zu einer Normalität, sass vorm Fernseher oder vor dem Rechner und versuchte diesen Gang zur Toilette als etwas ganz Normales anzusehen.

Von Petra wusste ich, wie wichtig es für eine Essgestörte ist, einen Arzt ihres Vertrauen zu haben, der ihr dabei hilft, die gesundheitlichen Folgen so gering wie möglich zu halten und Tips für das Leben mit der Bulimie zu geben. So unglaublich sich das jetzt auch anhören mag. Aber der Weg aus der Bulimie ist meist sehr langwierig. Ähnlich wie ein Raucher verstärkt Vitamin C benötigt, gibt es auch bei Bulimikerinnen gewisse Vorsichtsmassnahmen, um den Körper nicht noch mehr zu schaden. Ein wichtiger Punkt dabei war z.B., dass nach dem Erbrechen auf keinen Fall die Zähne geputzt werden sollten (zumindest nicht mit Zahnpasta), da sie durch die Magensäure eh schon angegriffen wurden. Viel besser ist es da, die Säure mit Milch zu neutralisieren. Das erhält der Bulimikerin die Zähne. (Viele Bulimikerinnen haben kaputte Zähne.)

Ein Arzt kann auch entsprechend gegen die Mangelerscheinungen des Körpers vorgehen bzw. hier Nahrungszusätze (Vitaminpräparate und Mineralstoffe) empfehlen. Von vorbeugenden Untersuchungen wie Magen- und Darmspiegelungen mal ganz abgesehen. (Auch dass die Menstruation ausbleibt, kann eine Folge der Mangelernährung des Körpers sein.)

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#BeginEditable "Text" -->Es war gar nicht so leicht, Sandra davon zu überzeugen zum Arzt zu gehen. Letztlich sind wir gemeinsam hingegangen. Auch für mich war es etwas seltsam. Wir haben der Ärztin dann unser Anliegen vorgetragen. Ich glaube, daß genau wie ein Leistungssportler seinem Körper eine Menge abverlangt, genauso stellt die Bulimie für den Körper eine große Belastung dar. Und ein Leistungssportler wird schließlich auch medizinisch betreut. Nun gut, dieser Vergleich war sicherlich etwas extrem, aber ich denke sooo abwegig war er auch wieder nicht.

Im Nachhinein denke ich, daß es gut für mich ist, daß ich versuche Sandras Bulimie wie eine "normale" Krankheit zu betrachten. Sandra war für mich nie ein "außerirdisches" Wesen daß man studieren und neugierig betrachten müsse.

Die Ärztin machte zunächst einmal ein komplettes Blutbild und riet Sandra auch dazu, eine Magen und Darmspiegelung zu machen. Ich glaube aber, daß der wichtigste Rat der war, auf ihren Körper zu hören und evtl. Schmerzen nicht einfach zu akzeptieren, sondern ernst zunehmen. Sie gab ihr auch einige praktische Tips, wie zum Beispiel, daß es sehr wichtig ist, viel nach dem Erbrechen zu trinken. Da der Körper unglaublich viel Flüssigkeit verliert.

Es gab mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit, zu wissen, daß Sandra nunmehr medizinisch in guten Händen war. Denn, sein wir doch mal ganz ehrlich, in erster Linie macht man sich doch Gedanken um die körperliche Gesundheit des geliebten Menschen. Mir war vollkommen klar, daß der Kampf gegen die Bulimie eine ziemlich lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Und was würde es nützen, wenn Sandra sich zwar irgendwann davon befreit hätte, aber ein körperliches Wrack wäre?

Wir als Freunde, Familie oder Partner müssen uns als Erstes im Klaren sein, daß der Kampf gegen die Bulimie in erster Linie von der Betroffenen geführt wird. Es ist nicht damit getan "zwei Aspirin zu nehmen, sich ins Bett zu legen - und am nächsten Tag ist alles wieder in Ordnung". Dieser Kampf dauert lange und wir selbst können hier nur unterstützend einwirken. Es ist nicht an uns, zu heilen oder zu retten. Wir können nur Hilfe zur Selbsthilfe geben und bitte, nicht ständig das Essen oder die Eßgewohnheiten zum Hauptthema machen. Wir dürfen keine schnellen Resultate erwarten und wohlmöglich ungeduldig werden.

Ich habe diese Situation von uns Angehörigen mal mit der eines Knappen und seinem Ritter im Mittelalter verglichen. Wir können unserer Ritterin den Steigbügel halten und ihr das Schwert und die Lanze reichen. Gegen den Drachen kämpfen und anreiten muß sie selbst. Und wenn sie dann aus dem Sattel geworfen wurde können wir ihre Wunden verbinden, ihr Mut zu sprechen und ihr dann wieder den Steigbügel halten, Schwert und Lanze reichen................usw...

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#BeginEditable "Text" -->Ich habe in den letzten Monaten Sandras Eltern etwas näher kennengelernt. Es ist ja eine Tatsache, daß das Elternhaus bei der Entwicklung einer Eßstörung eine wesentliche Rolle spielt. Ich kann das jetzt mit ziemlicher Sicherheit aus meiner Sicht bestätigen. Diese Orientierungslosigkeit die Sandra immer verspürt hatte, diese Unsicherheit im Umgang mit anderen hat genau da ihre Ursachen. Bei ihren Eltern sind selten klare und eindeutige Aussagen zu vernehmen. Beinahe alles wird in einer ironischen und orakelhaften Art und Wiese gesagt, die sehr viel Spielraum für Interpretationen läßt. Und wenn diese Interpretation falsch ist, dann wird man belächelt und abgewertet ("Ach, sooo war das doch nicht gemeint. Nun leg doch nicht alles auf die Goldwaage. - Oooch.... Du merkst auch gar nichts." usw.)

Wie soll denn ein Kind bzw. eine Jugendliche eine Orientierung im Leben finden, wenn sie nicht einmal weiß, woran sie bei ihren Eltern ist? Wenn sie ständig nach der wahren Bedeutung der Worte sucht, und immer rätseln muß, wie dieses oder jenes nun gemeint sein könnte und wenn sie dementsprechend nie weiß, was von ihr erwartet und verlangt wird.....?

Wie soll sich ein "junger Mensch" da zurecht finden, wenn keine klaren und eindeutigen Grenzen gesetzt oder verläßliche Worte gesprochen werden? Wie sollen denn da Werte vermittelt werden? Wie soll der Mensch seinen Weg finden? Wenn ich mir vor diesem Hintergrund Sandras Lebensgeschichte so anschaue, wundert mich eigentlich gar nichts mehr. Weder ihre Vergangenheit an sich, noch die Schwierigkeiten, die sie im Umgang mit mir Anfangs hatte.

Aufgrund der fehlenden bzw. nur unzureichenden Vermittlung von Werten und innerer Sicherheit mußte sie sich ihre eigenen Gesetze und Regeln aufstellen. Und die waren prinzipiell recht einfach. "Traue niemanden. Verlasse Dich nur auf Dich selbst." war die Devise. Verständlich, nicht wahr?! Sandra mußte sich ihren eigenen Weg suchen. Diese Suche war geprägt von einer großen Unsicherheit, einem niedrigen Selbstwertgefühl und einer noch niedrigeren Achtung vor sich selbst. Woher sollte diese Achtung und das Selbstwertgefühl auch kommen?

Wenn sie früher in der Schule gut war (das war sie meist) wurde das als selbstverständlich hingenommen. Ihre herausragenden Leistungen im Leistungssport interessierten zu Hause niemanden. Ja, sie bekam Anerkennung. Aber nicht aus ihrem Elternhaus und genau auf diese Anerkennung ist ein Kind schließlich angewiesen. Ständig kämpfte sie um Liebe um Annahme. Ohne Erfolg. Wenn sie etwas Neues ausprobierte stand ihr niemand zur Seite. Und wenn das Ergebnis dieses "Versuchs" dann nicht so toll war, dann wurde sie belächelt - nicht getröstet. Eine konstruktive Kritik ("Macht nichts, kann ja mal passieren. Versuch es doch mal so oder so.") fehlte. Nie wurde sie ermuntert, sich selbst zu erfahren. Dazu muß ich auch sagen, daß ihre Eltern auf mich einen sehr ängstlichen Eindruck machen (um es gelinde auszudrücken). Neues wird dort nur mißtrauisch betrachtet. Bloß nicht einen Zentimeter über den eigenen Horizont hinaus denken. Erfolge von Menschen, die andere, neue Wege gehen, werden ignoriert und verschwiegen. Dagegen werden Mißerfolge mit einem höhnischen Lächeln und entsprechenden Bemerkungen bedacht. Aber nie dem Betreffenden selbst gegenüber - nein, sowas passiert hinter dessen Rücken. Konflikte werden nicht ausgetragen, sondern totgeschwiegen. Versteckter Druck und emotionale Erpressungen ("Wenn Du das tust, dann hast Du uns ja nicht lieb.") ersetzen offene Auseinandersetzungen.

Als Sandra mit 16 oder 17 das erste Mal von zu Hause weggelaufen ist, haben ihre Eltern nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sie zu finden und zurückzuholen. Sandra hatte von sich aus nach einiger Zeit einen Brief nach Hause geschrieben, aber auch da wurde seitens der Eltern nichts unternommen. Sie war insgesamt ca. 6 Monate fort. Die Zeit danach war von ständigen spitzen Bemerkungen und Sticheleien geprägt. Wenn sie den Müll runter brachte, kamen Sätze wie "Kommst Du auch wieder?" oder "Lohnt es sich, für Dich auch Essen zu machen, oder verschwindest Du wieder?" Wirklich darüber gesprochen WARUM sie weglief wurde nie. Niemand fragte nach den Gründen. Die Problematik, die dahinter steckte wurde - wie so vieles - einfach totgeschwiegen. Auch über die Gefühle der Eltern wurde nie ein Wort verloren. Es wurde Sandra nur stets und ständig zu verstehen gegeben, daß ihr Verhalten falsch gewesen ist.

Sicherlich habe ich all diese Punkte hier nur recht oberflächlich angesprochen. Aber ich denke, ich habe die Tendenz aufzeigen und eine Art "logische Kette" aufbauen können. Das alles macht die Beziehung zwischen Sandra und ihren Eltern äußerst schwierig. Schließlich hat sie beide lieb und will niemanden wehtun. Immer wieder hatte sie die Hoffnung, doch noch anerkannt zu werden und sehnt sich noch heute danach, das Gefühl haben, von ihren Eltern geliebt und angenommen zu werden.

Ich habe nicht das recht und will hier auch gar kein Urteil über ihre Eltern fällen. Ich denke, sie handeln nach besten Wissen und Gewissen und geben das, was sie können. Aber ich kann auch nicht die Augen davor verschleißen, daß vieles in der Beziehung zwischen Eltern und Kind hierbei im Argen liegt.

Dies alles macht das Zusammensein mit uns beiden bestimmt nicht immer leicht. Der Schlüssel war und ist das Vertrauen, daß Sandra zu mir aufgebaut hat. Heute weiß sie - und sie fühlt es auch - daß ich ihr nichts Böses will und sie nicht hintergehe und ausnutze.

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  Nun ja... auf einem Gebiet fällt ihr dieses Vertrauen immer noch recht schwer..... Wenn sie vor dem Spiegel steht, ihren Bauch rausstreckt und murmelt "Mein Gott bin ich fett!" oder sich nach vorne beugt und beim Blick auf ihre Profilansicht stöhnt "Mein Gott hab' ich einen dicken Hintern!" Zugegeben, es fällt mir einigermaßen schwer mir das immer wieder reinzuziehen. Ich habe mal zu ihr gesagt, daß sie aufpassen müsse, da ich das sonst irgendwann selbst glauben würde. ;-)). Ich kann das auch absolut nicht nachvollziehen. Ja, es stimmt, daß sie etwas zugenommen hat. Das liegt aber weniger daran, daß sie nicht mehr kotzt, sondern vielmehr daran, daß sie jetzt vernünftig und gesund ißt. Diese Zunahme ist in erster Linie durch ihren Sport bedingt, da sie ja nun endlich viel mehr Kraft und Power hat.

Es ist nicht so leicht, ihr begreiflich zu machen, daß ich mit ihrem Aussehen weit mehr als nur zufrieden bin. Keine Ahnung wie oft wir darüber reden (einmal oder zweimal am Tag?!) Aber ich bin langsam an dem Punkt angekommen, daß sich ich das noch so oft sagen kann, letztlich muß Sie das Bild, daß sie von sich hat, revidieren und lernen, sich selbst auch in dieser Hinsicht anzunehmen und zu akzeptieren. Aber alles zu seiner Zeit....:-)

Ich habe vor einiger Zeit so etwas wie ein "Rezept gegen die Bulimie" für Angehörige in ein Forum geschrieben. Ich habe dieses Rezept inzwischen noch etwas geschmacklich verfeinert:

Für 100 ml dieser "Medizin" benötigt Ihr folgende Zutaten:

    25 ml Liebe
    15 ml Verständnis und Annahme
    40 ml Geduld
    20 ml Vetrauen
    einen Spritzer Optimismus (je nach Bedarf auch zwei oder drei...)

Das Ganze gut schütteln und mit Wärme und einem Lächeln servieren.
Zum Garnieren schlage ich a bisserl Humor vor.

Die Reihenfolge der Zutaten ist eigentlich egal. Je nach Geschmack und Situation kann die Menge der einzelnen Zutaten auch variieren. Im Großen und Ganzen sollte das Verhältnis aber schon eingehalten werden.

Also................... bei Sandra und mir scheint es zu wirken...............=)

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