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"Die Komplexe der Menschen"

- Ein Bericht von elektroNICK

(Der Bericht erschien in der NGFG-Vereinszeitung "Damokles" im Exemplar 4/93.)

Das Thema "Komplexe" ist ein entscheidender Schlüssel zum Bewußtsein des Menschen. Leider ist es ebenso schwierig wie umfangreich, so daß ein Artikel darüber ebenso "fehlerhaft" wie unvollständig sein muß.

Die NGFG e.V. befaßt sich umfassend mit diesem Thema; der hier vorliegende Bericht dient einer Einführung mit betont praktischen Fragen und Antworten. Allen Neueinsteigern soll er eine Orientierunghilfe bieten und die Hemmung des Unbekannten nehmen. Die "Fortgeschrittenen" mögen sich bitte nicht über eventuelle Vereinfachungen oder Unvollständigkeiten ereifern - sie sind gewollt.

Hier fehlt eine Abbildung (das Cover-Bild). "Hier sehen wir (leicht übertrieben), wie die Menschen reagieren, wenn sie das erste Mal mit gewissen Teilen ihres eigenen Unterbewußten konfrontiert werden: Ihrem SCHATTEN. Wer diesen Text liest, muß ebenfalls damit rechnen, seinem Schatten zu begegnen - wenn auch indirekter."

 

 

1. Wo finden wir Komplexe?

Um einen ersten Einstieg in dieses Thema zu bekommen, sollen zunächst einige Beispiele aufgezeigt werden, wo man Komplexe bei anderen Menschen im Alltag finden kann.

=> Herr A. ist im Büro ein unausstehlicher Mensch. Von sich und seinen Mitarbeitern verlangt er stets höchste Leistungen, und zwar in einem Maße, das schon nicht mehr gesund erscheint. Leider muß er sich um jeden Preis profilieren, denn er hat einen Minderwertigkeitskomplex.

=> Frau B. ist eine liebe Zeitgenossin. Sie glaubt an das Gute im Menschen, kann nie nein sagen, ist bei jedermann beliebt und würde keiner Fliege etwas zu Leide tun. Häufig wird sie deshalb ausgenutzt. Jedem will sie nur Gutes tun, richtet damit aber manchmal auch Schaden an, denn sie macht überall Zusagen, nur um die Harmonie zu wahren, denn sie hat einen Friedenskomplex.

=> Herr C. hat ein sehr neutrales Verhältnis zu Frauen. Er ist immer sehr freundlich, aber manchmal fühlen sich die Frauen nicht als weibliche Wesen anerkannt, sondern eher wie Neutren; andererseits ist Herr C. bekannt für seine schlüpfrigen Witze. Er hat einen Sexualkomplex.

=> Frau D.'s Charakter kann man mit einem Wort ganz einfach beschreiben: "LUFT". Sie hat nämlich einen ausgesprochen luftigen Charakter, der sich durch Oberflächlichkeit, Phlegma, Lustigkeit, Unstetigkeit, Flexibilität, Schnelligkeit, Lebendigkeit und Abwechslung auszeichnet.
Andererseits hat sie ausgesprochene Probleme mit dem Prinzip "Kampf", dem Prinzip "Einfühlsamkeit" und dem Prinzip "Beständigkeit". Sie hat nämlich einen "Luft"-Komplex.

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2. Definitionen

Der Fachbegriff des Komplexes wurde von C. G. Jung in die psychoanalytische Fachsprache ein geführt. Man versteht unter einem Komplex

"... das Bild einer bestimmten psychischen Situation, die lebhaft emotional betont ist und sich zudem als unvereinbar mit der gewohnten Bewußtseinslage oder Bewußstseinseinstellung erweist. Dieses Bild ist von starker innerer Geschlossenheit, es hat seine eigene Ganzheit und verfügt zudem über einen relativ hohen Grad von Autonomie, daß heißt, es ist den Bewußtseinsdispositionen in nur geringem Maße unterworfen und benimmt sich daher wie ein belebter Fremdkörper im Bewußtseinsraume...".

=> Das Unbewußte teilt sich auf in vier ineinander greifende Ebenen:

a) Das persönliche Unbewußte ist die Gesamtheit der Erfahrungen und Erinnerungen an Situationen und Handlungen, die jeweils ab bestimmten Zeitpunkten in der Entwicklung der Person nicht mehr zur Verfügung standen, da sie verdrängt wurden. Es äußern sich Lücken im Wirklichkeitskonzept. Wollte man es sehr negativ beschreiben, so würde man das persönliche Unterbewußte als einen "Abfalleimer" bezeichnen, da dort alle Verhalten hineingeworfen wurden, die man selbst - oder die Umwelt - als minderwertig ansieht. Positiv gesehen ist hier der Ort der Gefühle, der Intuition, der Kreativität und der fast endlosen Energie.

b) Das familiäre Unbewußte stellt die Summe der familiären Wünsche und Verbote dar; alle konkreten psychischen Eigenheiten einer Familie lassen sich hier zusammenfassen.

c) Das nationale Unterbewußte beinhaltet sind die kollektiven Wünsche und Verbote einer ganzen Nation.

d) Das kollektive Unbewußte repräsentiert angeborenes Wissen und Handlungsweisen der Menschen ganz allgemein. Hier finden wir z.B. Verhalten bei Gefahr, Tod, Wald, Wasser, aber auch Personen, wie "der alte Mann", "die Mutter" oder "das Kind" (siehe Kapitel 6).

=> Unser Unterbewußtsein besteht naturgemäß aus naturgegebenen Bedürfnissen, gesunden Ansprüchen und vielerlei Begabungen, aus natürlicher Lebensfreude und Vitälität, aus Wißbegierde, Fantasie und Kreativität, aus Liebe, Zärtlichkeit und Überlebenswille. Doch alle diese Eigenschaften wurden im Laufe des Lebens erstickt unter Scham, Verboten, Gewissensbissen, wurden durch Unterdrückung gehemmt oder übersteigert und durch Selbstverleumdung verdreht.

=>Der Schatten ist die Gesamtheit der persönlichen und kollektiv-unbewußten Dispositionen, die mit der bewußten Lebensform nicht vereinbar sind und deshalb nicht in das ICH integriert werden. Der Schatten handelt als relativ autonome Teilpersönlichkeit, die kompensatorisch zum Bewußtsein eingestellt ist, aber nicht nur negativ-verdrängte Impulse verkörpert, sondern auch zukunftsweisende Tendenzen. Den Schatten bewußt zu machen ist die erste Aufgabe einer Jung' schen Analyse.

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3. Wie entsteht ein Komplex?

Da der Mensch nach seiner Geburt in einem hohen Maße psychisch flexibel ist, stehen ihm (theoretisch) noch alle Verhaltensmöglichkeiten offen. Lediglich die vererbten Charaktermerkmale, z.B.archetypische Vorstellungen, und pränatale Prägungen haben ihn schon beeinflußt.

Er ist einer psychischen Anpassung an seine Umwelt dringend bedürftig. Stellvertretend für seine psychische Umwelt stehen zunächst seine Eltern, die die Aufgabe haben, ihn der Gesellschaft entsprechend anzupassen. Dieser Vorgang läuft über die Konditionierungen (z.B. Lohn und Strafe).

Aus der großen Menge der möglichen Verhaltensweisen werden die Eltern (im (relativen) Idealfall) diejenigen fördern, die gesellschaftlich angesehen sind und diejenigen unterdrücken, die sich als störend erweisen könnten. Bekanntlich geben sie in diesem Vorgang aber auch zu großen Teilen ihre persönlichen Verhaltensfehler weiter, die sie unter anderem auch von ihren eigenen Eltern mitbekamen.

Frei nach dem Prinzip MUTATION-SELEKTION wird sich das Kind an die psychischen Gegebenheiten der Familie anpassen, um dort ohne größere Probleme existieren zu können.

=> Die "Mutation" kann darin bestehen, daß sich das Kind unbewußt immer wieder neue psychische "Überlebensstrategien" erarbeitet, mit denen es hofft, akzeptiert zu werden und die Schwierigkeiten der Kindheit zu meistern. Hierbei handelt es sich z.B. auch um Selbstschutzmechanismen. Die grundlegenden Charakterschwerpunkte, wie Feuer, Wasser, Erde und Luft können dazu gehören, genauso, wie Introversion und Extraversion, oder schizoides, bzw. depressives Verhalten (nach Riemann). Das Kind wird einen Charakter aus sich heraus entwickeln, mit dem es am besten (psychisch) überleben kann, daß heißt: möglichst wenig Schmerzen, viel Zuneigung, ... Hat dieses Kind seine Mechanismen erst einmal gefunden, so wird es diese auch als Erwachsener beibehalten und seinen späteren Charakter entscheidend prägen.

=> Die "Selektion" wird zunächst durch die Eltern betrieben. Sie setzen Schwerpunkte in der kindlichen Psyche indem sie (häufig ohne ihr Wissen) moralische Konflikte dadurch "lösen", daß sie einfach ihre eigenen Einstellungen dem Kind aufdiktieren. Fast jede charakterliche Komponente, jede moralische Frage bekommt von den Eltern ein Schwergewicht versehen: Zum Beispiel: Macht: Entweder wird das Kind unterdrückt (somit entwickelt sich das Beherrschen-Wollen als Komplex), oder das Kind hat seine Familie voll unter Kontrolle (und damit entwickelt sich das Beherrscht-Sein-Wollen als Komplex); auch das umgekehrte Ergebnis ist denkbar.

Die Umwelt wird also beim Individuum bestimmte Charaktermerkmale unterdrücken wollen, wobei aber niemandem klar zu sein scheint, daß man Verhalten verbieten kann. Man kann es lediglich "in den Keller sperren" und hoffen, daß es sich nicht äußert. Was dann passiert, werden wir noch später sehen...

Während eigentlich alle Verhaltensweisen in einer gleichmäßigen Form gezeigt werden sollten, werden einige Verhaltensweisen überbewertet, andere unterbewertet. Ein Charakter wird geprägt.

Je früher gewisse Aspekte der Erziehung im Leben eines Kindes stattfinden, desto fester werden sich diese Aspekte in die Psyche des Menschen verankern. Doch die wenigsten anerzogenen Verhaltensweisen sind irreparabel verankert, deshalb sollte man sich nicht zu schnell auf sein "Schicksal" berufen.

Das Ergebnis aller Anpassungsmechanismen ist eine unvollständige Persönlichkeit, wobei die Summe der unterdrückten Aspekte den Schatten ausmacht. In recht extremen Fällen kann ein ausgeprägt autonomer Schatten sich zu einer echten Spaltpersönlichkeit steigern, die vom Bewußtsein des Menschen jederzeit vollständig Besitz ergreifen kann.

Da ein erwachsener Mensch sich in den seltensten Fällen ausführlich mit seiner Psyche beschäftigt, werden die durch die Eltern geprägten psychischen Formen nicht rechtzeitig hinterfragt. In der Regel werden die meisten Stärken und Schwächen einer Person sich immer weiter verfestigen und so als Kindheitsstruktur ewig erhalten bleiben. Psychologen sprechen hier vom inneren Kind, welches den Erwachsenen für den Rest seines Lebens begleitet.

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4. Wie tritt ein Komplex auf?

Um zunächst ein grundsätzliches Gefühl für das Auftreten eines Komplexes zu geben, soll an dieser Stelle ein bildlicher Vergleich klarmachen, worum es geht:

Stellen wir uns einen Autofahrer vor, der durch die Alpen fährt. Alles klappt wunderbar, er hat sein Fahrzeug problemlos unter Kontrolle und fühlt sich sicher. Aber plötzlich gerät er unachtsamerweise mit den äußeren Reifen auf den Seitenstreifen, der schneebedeckt ist. Sofort bricht der Wagen aus und der Fahrer verliert beinahe vollkommen die Kontrolle. Mit etwas Geschick und viel Glück kommt er aber doch wieder mit allen Reifen auf die Straße und führt seine Reise fort.

Dieser bildliche Vergleich sollte erhellen, wie es sich anfühlen kann, wenn man sich in psychische Situationen begibt, in denen man den bewußten Einfluß auf die Vorgänge verliert. Zwar ändert ein Ausbruch eines Komplexes nicht so schnell tödlich, aber es können trotzdem verheerende Schäden entstehen.

Komplexe können in vielen Formen auftreten. Man kann diese Formen unterscheiden nach:

a) Auftrittshäufigkeit

=> Manche Komplexe treten kontinuierlich auf, und sind somit von außenstehenden Menschen leicht zu entdecken. Man könnte diese Auftrittsform auch als einen Leitfaden einer Persönlichkeit bezeichnen. Wie beispielsweise bei dem "Luft"-komplex ist es egal, in welcher Lebenssituation sich der Mensch gerade befindet: Die Luft-Eigenschaften sind immer tragend.

=> Andere Komplexe hingegen treten nur selten, sporadisch, dafür aber heftiger auf. Sie werden meistens durch konkrete Begebenheiten ausgelöst. Bei dieser Form kann ein kleiner, für andere Menschen vollkommen nichtiger Anlaß bei der betreffenden Person verheerende Auswirkungen haben (Tretminen-Effekt). So führt ein schmuddeliger Waschlappen bei einem Ehepartner mit einem Reinlichkeits-Komplex zu Scheidungsabsichten.

b) Ausprägung

=> Entweder äußert sich ein Komplex durch äußerliche Überbetonung eines Charakterzuges: Der sich minderwertig fühlende Mensch profiliert sich überdurchschnittlich, krankhaft (und seine Schattenseite ist extrem labil, träge, schwach und führungsbedürftig).

=> Oder es zeigt sich eine äußerliche Unterbetonung eines Charakterzuges: Der normal-fähige Mensch traut sich viel zu wenig zu (und seine Schattenseite ist besonders waghalsig, grössenwahnsinnig, indirekt und von ihm unbemerkt profilierungssüchtig).

c) Grad der Autonomie

Wie in obigen Kapiteln bereits angedeutet wurde, sind Komplexe als psychische Strukturen definiert, die eine ausgesprochene Eigendynamik haben. Das Wachbewußtsein kann weder den Zeitpunkt des Auftretens beeinflußen, noch die Art, wie dieser Komplex auftritt. Diese Eigenschaften machen den Komplex recht brisant.

=> Wirklich gefährlich und krankhaft wird ein Komplex erst dann, wenn man ihn nicht zu haben meint. In dem Augenblick des Ausbruchs besitzt das Unterbewußtsein eine maximale Autonomie, die sich durch massive psychische Störungen äußert (z.B. Spaltpersönlichkeit). Nicht selten kann sich das Wachbewußtsein nach einem solchen Ausbruch nicht an die Handlungen erinnern, die von der Spaltpersönlichkeit ausgeführt wurden.

=> Im Normalfall kommt es nicht zu einem solchen ungehemmten Ausbruch, denn es bleibt i.d.R.ein Teil des normalen Wachbewußtseins aktiv, welcher die Auswirkungen etwas bremst. Der betroffene Mensch wird nicht vollig aus der Bahn geworfen.

Grundsätzlich soll angemerkt sein, daß ein Auftreten eines Komplexes (egal in welcher Form) von dem betroffenen, ungeübten Menschen i.d.R. selbst nicht leicht registriert werden kann. Er ist auf diesem Auge bei sich selbst und auch bei anderen Menschen ganz einfach blind.

Das bedeutet: Einen Komplex, den man in sich trägt, kann man auch bei anderen Menschen ohne weiteres nicht erkennen. Denn das eigene Unterbewußte blendet (im Zwischenhirn) alles aus der Wahrnehmung aus, was der Bewußtwerdung eines Komplexes dienen könnte.

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5. Die Bedeutung der Komplexe bei Freundschaften / Feindschaften

Wenn man sich fragt, welche Kriterien wir für Freundschaften, bzw. Feindschaften haben, so nennen wir natürlich zuerst die uns bewußten Kriterien. Allerdings ist es fraglich, ob diese bewußten Gründe wirklich ausschlaggebend sind. Der Meinung einiger Psychologen nach sind die unterbewßten Motive wesentlich stärker an der Sympathie / Antipathie beteiligt, als wir es uns bewußt sind.

Sympathie:

a) Ähnlichkeit der unterbewußten Strukturen, die man an sich selbst akzeptiert und sich somit auf eine nicht beschreibbare Art mit dem anderen Menschen verbunden fühlt.

b) Verschiedenheit der unterbewußten Strukturen führt zu einer unterschwelligen Ergänzung der beiden Menschen. In unterbewußten Stärken und Schwächen gleichen sich diese Menschen aus und fühlen sich ebenfalls verbunden.

Antipathie:

a) Ähnlichkeit der unterbewußten Strukturen, die man an sich selbst nicht akzeptiert, oder die bei dem anderen Menschen eben wegen dieser Struktur auf unbewußten Widerstand stoßen.

b) Verschiedenheit der unterbewußten Strukturen, die sich auf eine subtile Art und Weise bekämpfen, ohne, daß die betroffenen Personen dies bewußt wahrnehmen. Sie wundern sich vielleicht über die Spannungen, oder sie geben rationalisierte Scheingründe.

Insbesondere in partnerschaftlichen Beziehungen, wo sich die Menschen besonders nahe kommen, müssen die unbewußten Seiten gut harmonieren. Eine Beziehung besteht also nicht nur aus den beiden erwachsenen Personen, sondern auch in einem hohen Maße aus den beiden inneren Kindern von früher.

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6. Was ist ein archetypischer Komplex?

Das Wort "Archetyp" (arche = griech. = ursprünglich) stammt aus der Jung'schen Psychologie, war aber auch zu Platon's Zeiten ein Begriff. Es bezeichnet Urbilder und Urvorstellungen, die seit Urzeiten genetisch von Generation zu Generation weitergegeben werden. Beispiele für Archetypen sind:

Kindchenschema: Jeder Mensch findet ein Kind niedlich, welches einen großen Kopf, eine hohe Stirn und große Augen hat.

Wasser: Alle Menschen bringen bei näherer Betrachtung das Unterbewußtsein assoziativ mit dem Element Wasser zusammen.

Magier: In allen menschlichen Kulturen finden wir Magier und Hexen und die Angst vor ihnen.

Die Archetypen sind Inhalte des "Kollektiven Unterbewußten", welches wir alle in uns tragen. Das kollektive Unterbewußte ist kein Gehirnteil, sondern die abstrakte Summe aller kollektiven Wahrnehmungen und Anschauungen, also die Summe aller Archetypen. Das kollektive Unterbewußte sorgt gewissermaßen für eine gemeinsame psychische Identität der Menschen auf der Erde.(Natürlich haben auch alle Rassen von Tieren ihr kollektives Unterbewußtes, wo zum Beispiel der Archetyp des Luftfeindes - z.B. der Adler - seinen Platz hat.)

Im kollektiven Unterbewußten finden wir auch die "archetypischen Komplexe". Es geht hier um die allen Menschen gemeinsamen psychischen Konflikte. Es sind sozusagen Kristallisationspunkte, an denen sich die Menschen immer wieder mit ihren Problemen wiederfinden. Beispiele:

=> Trotzphase:

Jedes Kind wird in dieser Phase den Willen seines neuen Egos entwickeln und ihn an der Umwelt messen. Dies ist wichtig für eine gesunde psychische Entwicklung.

=> Ödipus-Komplex:

Die besondere Beziehung des Kindes in der frühen genitalen Phase zum gegengeschlechtlichen Elternteil findet sich bei jedem Kind wieder und ist ein Zeichen einer gesunden psychologischen Entwicklung (erste geschlechtlichen Orientierung). Streng wissenschaftlich ist es inzwischen umstritten, ob es sich hier wirklich um eine zwingend notwendige Phase handelt; der Anschauung halber sollte der Ödipus-Komplex dennoch genannt werden.

=> Pubertät:

Ist eine vollkommen normale und psychisch sehr wichtige Konfliktphase des jugendlichen Menschen, in der er seine Rolle als Erwachsener annehmen muß.

=> Midlife-Crisis:

Eine vor allem im Leben eines Mannes im Alter von 40 - 50 Jahren auftretende Krise, die den Betroffenen sein bisheriges Leben kritisch überdenken und häufig gefühlsmäßig in Zweifel ziehen läßt. Sie dient eventuell der Suche nach einer neuen, jungen Geschlechtspartnerin, um die verbleibende Zeugungskraft des Mannes zu nutzen; Evolutionsmäßig sehr wichtig. Nicht unumstritten.

=> Anima-, Animuskomplex:

In der Jung'schen Psychologie geprägter Begriff, der die Probleme beider Geschlechter mit dem eigenen, inneren, gegengeschlechtlichen Teil beschreiben soll. Suche nach dem göttlichen Prinzip: In allen Kulturen, bei allen Menschen finden wir mehr oder weniger ausgeprägt eine Suche nach Höherem. Nicht streng wissenschaftlich gesehen handelt es sich auch hier um einen archetypischen Komplex.

Wie wir sehen, handelt es sich bei den beschriebenen Konflikten um emotional-unbewußte Grenzsituationen, die autonom sind und somit die Bezeichnung "Komplex" verdienen. Da sich diese Komplexe bei allen Menschen wiederfinden lassen, ist auch der Ausdruck "archetypische Komplexe" sehr berechtigt.

Welche Rolle spielen die archetypischen Komplexe im Kontext der allgemeinen Komplexe?

Die archetypischen Komplexe stellen eine Gruppe von Komplexen dar, die keine durch die Eltern bedingten Ursachen in der Kindheit haben, eine gesunde Entwicklung eines Menschen aufzeigen und entwicklungspsychologisch wertvoll sind und nicht geheilt, sondern ausgelebt werden müssen, da eine Unterdrückung fatal wäre.

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7. Die Arbeit an den Komplexen

Die Arbeit an Komplexen gliedert sich in drei wichtige Phasen auf:

1. Erkennen der Wichtigkeit, an den eigenen Komplexen zu arbeiten

Warum sollte man an den Komplexen arbeiten? Dieser Punkt ist sehr wichtig, denn seine Beantwortung gibt die nötige Motivation, um sich mit diesem langwierigen Thema auseinanderzusetzen. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes an die Substanz, da ist es sehr hilfreich, wenn man ein Ziel vor Augen hat, zumal sich die unterbewußte Psyche sperrt. Neun mögliche Gründe sollen genannt werden. (siehe Kapitel 7.1)

2. Wie erkenne ich meine Komplexe?

Nachdem man die Wichtigkeit des persönlichen Komplexabbaus eingesehen hat, besteht die erste Hürde darin, die eigenen Komplexe zu erkennen. Man fragt sich: Habe ich überhaupt Komplexe? Verschiedene Strategien zur Komplexfindung sollen aufgezeigt werden. (siehe Kapitel 7.2)

3. Wie bearbeite ich meine Komplexe?

Die zweite Hürde besteht im Abbau der nun gefundenen Komplexe. Wie sieht eine "Therapie" aus? Welche Probleme treten auf und welche Form der Verarbeitung ist möglich? (siehe Kapitel 7.3)

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7.1 Warum sollte man an den Komplexen arbeiten?

Der normal komplexbehaftete Mensch fragt sich zurecht, warum er an seinen Komplexen arbeiten soll. In nicht all zu extremen Fällen lebt es sich schließlich mit den eigenen Komplexen scheinbar recht gut und vor allem sehr gewohnt. Welchen Vorteil bringt eine Arbeit an Komplexen? Wann ist es wünschenswert, wann notwendig?

a) Geschlossenes Weltbild / Suche nach dem Sinn des Lebens

Da, wie schon erwähnt wurde, Komplexe die Repräsentation der Umwelt einschränken, ist es sehr wahrscheinlich, daß ein komplexbehafteter Mensch die Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten falsch einschätzt (z.B. bei einem Friedenskomplex). Er wird eine in einigen Punkten übertriebene, in anderen Punkten lückenhafte Vorstellung von der Welt haben. Sollte sich dieser Mensch auch mit dem Sinn des Lebens im allgemeinen oder seinem persönlichen Lebenssinn im speziellen zuwenden, so wird er auch hier Verzerrungen hervorrufen, die weder ihn, noch andere Menschen glücklich machen werden. Abgebaute Komplexe verringern diese Problematik.

b) Kindeserziehung

In der Kindeserziehung ist der Abbau der eigenen Komplexe ganz besonders wichtig. Schließlich ist es weder den Kindern, noch der aus ihnen erwachsenden Welt zu gönnen, daß sie unter unseren unverarbeiteten Komplexen leiden müssen (z.B. unter einem Macho-Komplex). Wir müssen daher zunächst unsere eigenen Komplexe abbauen.

c) Welt verbessern / Weltfrieden schaffen

Viele Menschen reden davon, daß die Welt verbessert werden muß. Bekanntlicherweise sind aber alle Probleme auf unserer Erde aber ein Resultat unserer gestörten Psychen (z.B. der Mach-Dir-Die-Erde-Untertan-Komplex). Mit unseren geläuterten Psychen würden prinzipiell alle Probleme verschwinden - wenn es nicht schon längst zu spät sein sollte. Ein schneller Abbau unserer Komplexe ist vonnöten.

d) Nächstenliebe / mehr Freunde - weniger Feinde

Durch unser komplexbehaftetes Handeln belasten wir unsere Umwelt sehr. Menschen, die mit ihrem Umgang auf uns angewiesen sind, nehmen wir die Lebenslust, was indirekt natürlich auch wieder auf uns selbst zurückschlägt (z.B. bei einem Vater-, oder Mutterkomplex). Wir machen uns Menschen zu Feinden, obwohl wir sie so leicht für uns gewinnen können und leiden unter Spannungen, die wir selbst innerlich abbauen können. Manche Menschen haben ständig das Gefühl des Mißverstanden-Werdens, was letztlich aber häufig auf eigenen Fehlern beruht. Deswegen müssen Komplexe abgebaut werden.

e) Eigene Mißerfolge abbauen / Eigene Probleme bewältigen / Mehr Zufriedenheit

Unser Leben lang begleiten uns bestimmte Situationen, die uns nicht immer gerade glücklich machen. Die Ursachen sind unsere Fehler, die wir immer und immer wieder begehen, ohne daß wir sie in der entsprechenden Situation schnell genug umgehen könnten (z.B. Minderwer tigkeitskomplex).Friedrich Nietzsche sagte verharmlosend zu diesem Thema: "Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebnis, das immer wieder kommt.". Vermutlich wollte er damit sagen: Die allermeisten Charaktere definieren sich durch ihre Komplexe, und diese beherrschen das ganze Leben (in einer negativen Form). Durch eine gezielte Beeinflußung unserer Schwächen können wir viele regelmäßige Grundfehler vermeiden und erfolgreicher und zufriedener Leben. Durch einen Abbau unserer Komplexe haben wir mehr Erfolg.

f) Anderen Menschen kompetenter helfen können

Wer seine Freunde, Verwandte oder andere Menschen gerne mit Rat und Tat unterstützen möchte, muß sich unbedingt auf einen großen Erfahrungsschatz und einen gesunden Menschenverstand stützen können. Fehler können die Rat-, und Hilfebedürftigen auch ohne uns machen; es geht hier darum, daß wir Fehler vermeiden helfen. Dies ist aber nur mit einer Psyche möglich, die ohne gewisse Grundfehler (ausgelöst durch eigene Komplexe) arbeitet. Je weniger komplexbehaftet der ratgebende Mensch ist, desto weniger wird er seine eigenen, persönlichen Probleme auf andere Menschen projezieren und somit besser fremde Probleme verstehen und bessere Lösungsstrategien vorschlagen können. Desweiteren wird er auch die Probleme der Ratsuchenden bei der Realisierung der Lösungsmöglichkeiten kennen, und wird auch dort helfen können. Eigene Komplexe müssen zunächst abgebaut werden.

g) Durch Menschenkenntnis mehr Erfolg / Manipulation

Wer die Probleme und die Komplexe der Menschen kennt, kann gut mit Menschen umgehen. In jeder Situation hat er die richtigen psychologischen Mittel zur Hand, um seine (hoffentlich berechtigten) Bedürfnisse durchzusetzen. Wenn er Leistungen von seinen Mitmenschen will, kennt er die richtige Art, um auf den konkreten Menschen gegenüber einzugehen. Man weiß, wie man fragen muß und wie man nicht fragen darf.

So wird beispielsweise ein geschickter Geschäftsmann bei einem körperlich kleinen Geschäftpartner niemals Witze über kleine Menschen machen, da sich hinter kleinen Männern nicht selten (objektiv unberechtigte) Minderwertigkeitskomplexe verbergen, die auf solche Witze mit dem oben erwähnten Tretminen-Effekt reagieren. Andererseits kann man nicht selten ganze Geschäftserfolge allein durch eine geschickt gewählte Beschwichtigung des Komplexes sichern. Generell ist es in unserer Gesellschaft üblich, sich durch die Komplexe der Menschen eigene Vorteile zu verschaffen. Die Archillesverse des Komplexes betrifft den einzelnen Menschen, große Gesellschaftsteile und sogar ganze Nationen. Wer fremde Komplexe erkennen möchte, bzw. sich vor Fremdmanipulation schützen möchte, muß dringend seine eigenen Komplexe erkennen und abbauen.

h) Psychische Krankheiten heilen / Angstsituationen abbauen / Alpträume vermeiden

Da Komplexe autonome Strukturen sind, führen sie nicht selten zu ernsten psychologischen Störungen. Durch sie können zunächst unerklärliche körperliche Krankheiten auftreten (soge nannte psychosomatische Krankheiten), aber auch psychische Leiden können die Folge sein. So sind Ängste, Alpträume, Hemmungen, Depressionen, Zwänge und sexuelle Störungen häufig ein Ausdruck von Komplexen. Zwar lassen sich die Beschwerden auch medikamentös unterdrücken, aber es ist zweifellos sinnvoller, durch gezielten Abbau der Komplexe die Ursachen auszulöschen.

Die lange, aber bei weitem nicht vollständige, Liste der Gründe für einen Komplexabbau zeigt, daß es in den verschiedensten - wenn nicht sogar in allen - Lebenssituationen von großer Wichtigkeit ist, Komplexe zu erkennen und abzubauen. Jeder Mensch muß die für ihn wichtigsten Gründe herausfinden und sich reiflich überlegen, ob er wirklich mit diesen Komplexen leben will.

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7.2 Wie erkenne ich meine Komplexe?

Es wurde gezeigt, wo sich Komplexe finden, wie sie sich definieren, wie sie entstehen, wie sie auftreten, welche Rolle sie im sozialen Zusammenleben spielen und warum es sich auf jeden Fall lohnt, sie abzubauen. Nun kommen wir zum praktischen Teil!

Um die Frage "Wie erkenne ich meine Komplexe?" besser beantworten zu können, betrachten wir zunächst den normalen (d.h. durchschnittlichen) Fall, daß wir unsere Komplexe nämlich nicht erkennen: In diesem Fall identifizieren wir uns uneingeschränkt mit unseren Verhaltensweisen, auch dann, wenn diese Verhalten unbewußte (und damit eine wachbewußt ungewollte und unkontrollierte) Ursachen haben. Wenn man sich durchgehend mit seinen psychischen Vorgängen identifiziert, so nennt man dies Bewußtseinskontinuität; wir empfinden dann einen kontinuierlichen Bewußtseinsstrom.

Die grundlegende Voraussetzung für eine ununterbrochene Bewußtseinskontinuität ist eine unreflektierte, bequeme und zu wenig selbstkritische Haltung sich selbst gegenüber (es tut mir leid, dies schreiben zu müssen).

Wenn ich meine Komplexe erkennen möchte, so muß ich zunächst die uneingeschränkte Identifikation mit meinen Verhaltensweise ablegen. Aus der gesunden Selbstkritik werden Beobachtungen folgen, die sich sehr stark auf die Bewußtseinskontinuität richten. Man steht psychologisch gewissermaßen neben sich selbst und beobachtet sich. Schnell wird man Situationen bemerken, wo die Bewußtseinskontinuität unterbrochen ist.

Im Kapitel 4 wurde aufgezeigt, daß Komplexe unterschiedliche Auftrittshäufigkeiten haben; für die beiden verschiedenen Kategorien gibt es auch verschiedene Strategien der Auffindung:

=> Der kontinuierlich auftretende Komplex, der gewissemaßen das gesamte Leben durchzieht, muß übergeordnet betrachtet werden. Man stellt sich die Frage: Welcht Aspekte weist meine Lebensführung auf, und woher stammen diese Aspekte? Auf welchen (versteckten) Grundeinstellungen basiert mein Leben? Mit welchen fünf Worten kann meine Lebensführung zusammengefasst werden?

Zur Klärung dieser Fragen muß man - zwecks ansatzweiser Objektivität - dringend viele andere Menschen befragen; und zwar nicht nur gute Freunde und Partner (sie sind in vielerlei Hin sicht blind), sondern auch oberflächliche Bekannte.

Auf diese Art und Weise kann die unreflektierte, bedingungslose Identifikation mit der eigenen Lebensführung unterbrochen werden und ein Aufdecken von kontinuierlichen, strukturellen Unbewußtheiten wird möglich.

=> Der spontan auftretende Komplex erfordert eine andere Vorgehensweise. Zwar sind wir auch hier auf die Beobachtungen unserer Mitmenschen angewiesen, doch auch eine Selbstbeobachtung ist sehr gut möglich.

Für uns selbst leichter zu entdecken sind diese Komplexe deswegen, weil die zeitweise Unterbrechung der Bewußtseinskontinuität nicht ein schleichender Vorgang ist (wie oben), sondern ein schlagartiger. Von einer Sekunde auf die andere wird unser Unterbewußtsein "das Ruder in die Hand nehmen", um seine komplexbehafteten Verhaltensweisen zu zeigen. Das Wachbewußtsein hat grundsätzlich die Möglichkeit, diesen Augenblick zu registrieren, auch wenn es für eine Gegenhandlung dann oft schon zu spät ist.

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7.2.1 Beispiele für Kategorien von Komplexen

Es gehört schon eine Menge Übung und Sensibilität dazu, dem eigenen Bewußtsein erfolgreich "auf die Finger zu schauen". Sehr hilfreich ist es, wenn man schon eine recht genaue Vorstellung davon hat, welche Komplexe auftreten können! Deswegen folgen nun einige konkrete Hilfen, die in der entsprechenden Literatur ausfühlich behandelt werden. Dabei sind diese Kategorien wie Wahrnehmungsfilter zu verstehen. Bedingt durch die hohe Komplexität unseres Bewußtseins können wir uns immer nur bestimmte Aspekte herauspicken. Hier also die Kategorien:

Beispiel: Missledine: Das innere Kind: der Held, der Stille, der Clown, das schwarze Schaf

Beispiel: Jung: Typologie: introvertiert bzw. extravertiert ; rational bzw. irrational ; ...

Beispiel: Riemann: schizoid bzw. depressiv ; hysterisch bzw. zwanghaft

Beispiel: Riso: Das Enneagramm: der Reformer, der Führer, der Sensible, der Künstler, der Helfer, der Loyale, der Denker, der Friedliebende, der Statusmensch, der Vielseitige

Beispiel: Elementenlehre: Ist der Charakter ähnlich dem Feuer (hitzig, energiegeladen), Wasser (gefühlvoll,sensibel), der Erde (konservativ, verlässlich) oder Luft (oberflächlich, flexibel) ?

Beispiel: Tarot: Die Tarot-Karten zeigen viele Wesenszüge des Menschen, die man an sich selbst untersuchen kann.

Beispiel: Chakras: Sie symbolisieren sieben verschiedene Qualitäten im Menschen, die man so gezielt beobachten kann.

Beispiel: Kaballa: Auch hier werden die verschiedenen Aspekte des menschlichen Charakters dargestellt und stehen bei einer Eigenanalyse zur Verfügung.

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7.2.2 Beispiele für konkrete Komplexe

Hier folgt nun eine unzusammenhängende Auflistung einiger verbreiteter Komplexe:

Beispiel: Familienkomplex (man löste sich nie innerlich von der Familie, hat ein großes Urvertrauen)

Beispiel: Minderwertigkeitskomplex (der Kampf darum, endlich einmal von den Menschen Anerkennung zu bekommen)

Beispiel: Machtkomplex (man muß um jeden Preis Macht ausüben, da man zu streng / zu laff erzogen wurde)

Beispiel: Friedens-, Gewaltkomplex (Angst oder Bekämpfung vor Gewalt, die man als Kind erfuhr; Christentum)

Beispiel: Anima-, Animuskomplex (Probleme mit dem gegengeschlechtlichen Teil in uns)

Beispiel: Positiver (negativer) Vater-, bzw. Mutterkomplex (man spielt ständig Elternteil oder Kind)

Beispiel: Sexualkomplex (unterdrückte Sexualität sucht sich - auch gewaltsam oder symbolisch - einen Kanal)

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7.2.3 Beispiele für die Achtsamkeit auf sich selbst

Durch welche allgemeinen Betrachtungen im Alltag kann ich meine Komplexe entdecken?

Beispiel: Um welche Verhaltensweisen oder Fähigkeiten beneide ich andere besonders? Versuche ich diese Eigenschaften unbewußt auszuüben?

Beispiel: Projeziere ich meine eigenen, verdrängten Eigenschaften auf unbeteiligte Menschen? Dies ist z.B. leicht herauszufinden durch die Frage "Was mag ich an meinen Mitmenschen am wenigsten?"; zu 90% finden wir hier Aspekte des eigenen Schattens wieder!

Beispiel: Übertrage ich Eigenschaften einer Person auf eine oder viele andere Personen: Sehe ich z.B. in jedem Mann meinem Vater? Vergleiche ich Mitmenschen (unbewußt) mit meinen Verwandten, Freunden, Feinden?

Beispiel: Wann treten unbegründet offensichtliche oder unterschwellige Aggressionen auf? Hier sind also die dem Komplex eigenen psychischen Energien sichtbar. Wogegen will sich mein Unterbewußtsein wehren?

Beispiel: Wann überkommt mich unvermittelt eine akute Unlust? Eine beliebte "Waffe" des Unterbewußtseins ist die Unlust; viele Menschen geben einfach nach und das Unterbewußtsein hat seinen Willen.

Beispiel: Wann habe ich besonders viel Lust? Wann kann ich mich besonders gut motivieren? Auch hier kann man erkennen, wo unterbewußt-komplexbehaftete Persönlichkeitsteile ihre psychische Energie zu Verfügung stellen.

Beispiel: Wo zeige ich unverständliche, heftige Widerstände, anstatt gelassen zu reagieren? Unterbewußte Neigungen lehnen alles emotional ab, was sie nicht befriedigt. Der Widerstand wird hier emotional, aber nicht sachlich begründet sein. Die Argumentationskette kann zwar sachlich sein, aber die Tatsache, daß man sich für diese "Schiene" entschieden hat, ist komplexbehaftet emotional.

Beispiel: Wovon träume ich? Hier zeigen sich unbewußte Wünsche und Ängste in stets wiederkehrenden Symbolen. Das Unterbewußtsein möchte entweder auf die Spannungen hinweisen, oder durch Probleme entstandene psychische Spannungen abbauen, d.h. symbolisch lösen. Man achte besonders auf seine Tagträume!

Beispiel: In welchen Situationen reagiere ich emotional, empfindlich oder penibel? Sind alle Menschen so, oder ist es meine persönliche Eigenheit? Ist die Erziehung in diesem Punkt extrem gewesen? Leiden andere Menschen darunter?

Beispiel: Habe ich bestimmte Verhaltensweisen, wo ich rationalisiere, d.h. im nachhinein ständig begründe, warum ich sie zeige? Tritt es in einem bestimmten Themengebiet häufiger auf? Warum muß ich mich dort ständig rechtfertigen, anstatt es ganz einfach nur zu tun?

Beispiel: Was vergesse ich besonders leicht und was kann ich mir besonders gut merken? Ist hier das Unterbewußtsein im Spiel, daß dezent eine bestimmte Art von Dingen vergißt? Was will es damit bezwecken?

Beispiel: An welche Fehler der Eltern kann ich mich erinnern? Habe ich diese Fehler in irgendeiner Form übernommen? Oder übertreibe ich das Gegenteil der Handlungen meiner Eltern, so daß dies auch nicht mehr normal ist?

Die obige Auflistung ist nicht nur unvollständig, sondern auch oberflächlich gehalten, denn eine nähere Erklärung würde endgültig den Rahmen dieser Ausarbeitung sprengen. Es soll nur klar werden, daß es genügend Ansätze gibt, um die eigene Psyche zu beobachten und zu hinterfragen.

Der größte Feind aller konstruktiven Selbstbeobachtung ist die Rationalisierung. Man versteht darunter die nachträglichen Scheinbegründungen des Wachbewußtseins, die auf ein uneingestandenes, unbewußtes Verhalten folgen.

Der wachbewußte Verstand hatte für einen gewissen Zeitraum keine Kontrolle über das Verhalten der Person; dennoch will oder muß er im Nachhinein sich selbst oder anderen Menschen gegenüber eine Erklärung abgeben, wie es zu dem gezeigten Verhalten kommen konnte. Wie kann man etwas begründen, was man nicht verursacht hat? Man muß sich eine Begründung erlügen! Würde man ehrlicherweise gestehen, daß eine unkontrollierte Teilpsyche autonom gehandelt hat, so würde man sein Selbstbild verlieren und man würde von anderen Menschen nicht mehr ernst genommen. Statt dessen kommen Erklärungen, wie "...ich wollte Dich nur testen...", "...es war ja nur ein Witz...", "...da habe ich mich versprochen...", "... das habe ich ganz anders gemeint...".

Der routinierte Selbstbeobachter merkt sofort, wann eine Rationalisierung droht. Er spricht sie gar nicht erst aus, sondern ist sich in diesem Augenblick schon sicher, daß dort ein Komplex im Spiel war.

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7.3 Wie bearbeite ich einen Komplex?

Angenommen, man hat einen Komplex an sich selbst entdeckt: Wie soll man vorgehen, um das Fehlverhalten zukünftig auszuschalten?

Zunächst ist eines wichtig: Man muß anfangen. Dies klingt vielleicht banal, aber es ist sehr wichtig, einen Anfang zu machen. Es erfordert Kampfwille und Selbstüberwindung, sich selbst quasi "den Krieg" zu erklären.

Der Faktor ZEIT spielt eine große Rolle, denn von Tag zu Tag, an dem sich die Arbeit verzögert, wird die Arbeit schwieriger; nicht nur, weil sich die Verhaltensweisen stetig verfestigen, sondern auch, weil das Gehirn durch die altersbedingte Verkalkung (dies ist ein echter, neurophysiologischer Effekt) immer unflexibler wird.

Jeder weiß, wie flexibel Kindergehirne sind und wie unflexibel die Gehirne einiger Greise sind: Irgendwo auf der Entwicklung zum Greisen befinden wir uns jetzt. Jeder von uns!!! Jetzt !!!

Man nehme sich einige Zeit und gehe beispielsweise folgendermaßen vor:

1.) Genaue Beschreibung des komplexbehafteten Verhaltens ist wichtig.

Komplex auf jeden Fall schriftlich festhalten (dient der weitergehenden Bewußtwerdung) !!! Möglichst alle bisherigen Beispiele des Auftretens niederschreiben. Alle Freunde und Verwandte fragen, auch wenn sie komisch gucken sollten.

2.) Suche der Ursachen in der Kindheit

- Wann habe ich in der Kindheit den Komplex enstehen lassen?

- Welche Aspekte habe ich dort nicht verarbeiten können / dürfen ?

- An welchen Elternteil (oder sonstjemanden) ist der Komplex eventuell gebunden?

3.) Verarbeitung des Komplexes

- Ist die komplexbehaftete Verhaltensweise zu gewissen Teilen für mich noch wertvoll?

- Ist eine Aufarbeitung zusammen mit den an der Entstehung beteiligten Personen möglich?

- Können enge Bekannte einen eventuellen, versehentlichen Rückfall erkennen und aufzeigen?

Man unterscheidet zwischen den verschiedensten Wegen einer Verarbeitung. Unter einer Verarbeitung wird an dieser Stelle verstanden: Die Problematik ist insoweit bearbeitet, daß die Symptome zumidest nicht mehr in einer störenden Art auftreten. Aber dennoch sollte eine psychische Verarbeitung stattgefunden haben. (Im Gegensatz zu dieser Anschauung steht beispielsweise die Verhaltenstherapie, die nicht in der Psyche, sondern beim Verhalten anfängt, in der Hoffnung, daß das geänderte Verhalten auf die Psyche zurückwirkt.)

=> Auflösung

der ehemals konflikterzeugenden Spannungen durch eine vollständige Verarbeitung. Die Unbewußtheit des Komplexes wird aufgedeckt und nun kann das entsprechende Verhalten ohne begleitende emotionale Affekte gezeigt oder vermieden werden; das Wachbewußtsein hat ein Stück mehr Kontrolle über den gesamten psychischen Ablauf. Wenn die Ursache eines Komplexes beseitigt ist, treten keine Symptome mehr auf. C.G. Jung bezeichnete diesen Vorgang als Integration eines bewußt gewordenen Schattenaspektes.

=> Kanalisation

der psychischen Energien, die durch einen Komplex frei werden. So kann ein Mensch, der zu einer Auflösung eines Komplexes nicht fähig ist, den i.d.R. schädlichen Energien einen Kanal bahnen, durch den sie sich entladen können. So kann ein Mann, der bedingt durch einen Minderwertigkeitskomplex Ärger im Beruf hat, seine entstehenden Aggressionen am Sandsack im Keller auslassen, anstatt an seiner Familie. Allerdings setzt diese Art der Verarbeitung dieser Fähigkeit zur Verzögerung voraus.

=> Sublimierung

ist eine verfeinerte Form der Kanalisierung, um die positiven und konstruktiven Aspekte und Energien seines Komplexes zu nutzen. Ein mit einem Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Mensch wird z.B. außerordentliche Anstrengungen auf sich nehmen, um sich und der Umwelt zu zeigen, wie leistungsfähig er doch ist. Als Ziel seiner Anstrengungen wird er ein allgemein angesehenes, mitmenschliches Ziel wählen und nicht, wie es seinem Inneren vielleicht eher entspricht, versuchen, seine Mitstreiter oder Konkurenten zu ver



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